SCHNEIDHAIN – Beim Kerbe-Umzug stechen die Fahnenschwenker und ein alter Traktor hervor

VON ESTHER FUCHS

Das Klappern und Jubeln ist schon von weitem zu hören. Dazu mischt sich gut gelaunt die Musik der Egerländer Blaskapelle. „Schnaadem“ feiert. Die Kerbe-Mannschaft steht einsatzbereit am Ortseingang Schneidhain. Für den Heimat- und Brauchtumsverein (HBV) lässt die Tradition mit dem Kirchweihe-Fest aufleben, die in der jüngeren Vergangenheit ins Hintertreffen geraten war.

Schon in den Vorwochen baten Florian Selg, den als „Kerbevadder“ alle nur „Blocki“ nennen, und die Helferschar, dass Anwohner auf der Zugstrecke die Häuser traditionell schmücken. Das Ortsbild prägen denn auch Birkenbaumäste, an Laternenmasten mit gelb-weißen Krepp-Bändern dekoriert. Auch gelb-weiße Fahnen flattern von den Dachgiebeln und an Mauervorsprüngen.

Aus den Fenstern schauen Schaulustige. Am Straßenrand sammeln sich die Menschen. Die Verkehrswacht riegelt die neuralgischen Verkehrsknotenpunkte für die Dauer des Umzugs ab. Marc Mohr von der Verkehrswacht Obertaunus ist entspannt. „Wir machen das ja nicht zum ersten Mal“, sagt er, während sein Auto „Im Hainchen“/Ecke Rossertstraße parkt. „Damit wird der Durchfahrverkehr unterbunden.“

Von der Senke am Ortseingang startet der Tross mit vielen fröhlichen Gesichtern. Den Anfang macht der Polizeileitwagen. Danach folgen die Egerländer mit bekannten Stimmungsmelodien. Ein restaurierter Feuerwehr-Oldie zieht den geschmückten Kerbebaum langsam vorbei am Wahrzeichen, der alten Schneidhainer Linde und schnaufend hoch die steile Wiesbadener Straße. Die Fichte, frisch aus dem Wald geholt, ist geschmückt in den Farben des HBV. Schwarz und orange sind die Farbakzente auf dem grünen Nadelkleid.

Den Schlagges zieht Dirk Ernst, Bruder von HBV-Vize Oliver Ernst. Mit dabei sind die beiden Kinder Jacob (5) und Eva (2). Die Familie hat den alten Agria-Trecker, Baujahr 1969, für die Kerb flott gemacht. Im Anhänger sitzt der Strohmann der Kerbeborsch und „blinzelt“ fröhlich auf die Schneidhainer am Wegesrand.

International wird die Zusammenkunft an der Ecke Wallstraße. Dort steht Ehepaar Hahl. Hallveig Hahl kommt ursprünglich aus Island, lebt aber mit ihrem Mann Martin schon ewig in Schneidhain. „Unsere Tochter Julia ist die Hofdame des Burgfräuleins Angelika I.“, erzählt Hallveig Hahl. Hinter ihr versammelt sich eine Traube Menschen. „Alles Familie“, sagt Martin Hahl und erklärt dann, dass die Schwägerin mit Mann und Maus extra für die Kerb angereist ist. Ein weiterer Teil der Familie, der mittlerweile in Belgien lebt, ist auch gekommen. Gesprochen wird in Englisch, Französisch und Deutsch. Besonders die kleinen Enkel machen große Augen, als die Kerbeborsch mit den Fahnen den Berg hinauflaufen. Moritz Grafe, Simon Wendt und Alexander Mühlbauer schwenken die riesigen, bemalten Leinentücher. Der Schweiß steht ihnen im Nacken, als der Umzug bei Familie Hahl kurz anhält. „Prost, Prost Kamerad“, singen die Kerbeborsch und greifen dann die gut gefüllten Bembel, verteilen Apfelwein aus Schneidhainer Streuobst, extra für die Kerb gekeltert, und wünschen „Prost, Prost. An den Kopf. Um den Kopf und in den Kopf!“

Die Isländer schmunzeln. „Kerb feiern wir in Island nicht. Wir haben andere Feste. Die meisten Isländer sind protestantisch, deshalb gibt es diesen Brauch wohl auch nicht“, erklärt ein isländischer Schwager auf Englisch.

Sein Name? „Sveein“. „In Anlehnung an die 13 „Jolasveinn“, die Wichtel, die in Island im Verlauf der 13 Tage, vom 12. bis einschließlich 24. Dezember, einzeln in die Siedlungen der Menschen kommen. Der Brauch geht dort auf eine lange Tradition zurück“, erläutern die Hahls.

Die Kerb geht vier Tage, ehe sie beerdigt wird.

Die Kerbeborsch schwenken die großen Fahnen, die den Aufdruck „2023“ tragen. KLEINES FOTO (oben): Die in Schneidhain lebende Isländerin Hallveig Hahl und ihre Familie schauen dem Treiben auf der Straße zu. FOTOS: fuchs

Die Jüngsten der Kerbegesellschaft laufen auch mit. Dahinter Dirk Ernst mit Tochter Eva auf dem Trecker von 1969, der den Schlagges zum Festplatz zieht.

https://hbv-schneidhain.de/wp-content/uploads/2023/07/230628-TZ-Islaendische-Kiebitze-beim-Schnaademer-Fest.pdf